Mit Feingefühl spürte Dr. Maren Jäger in ihrer schönen Laudatio den Spuren der Worte in der hund ist immer hungrig nach – einen ganz herzlichen Dank ihr, der Kulturstiftung Itzehoe und der Jury des Günter Kunert Preises für einen wundervollen Nachmittag in Wilster!
Einige Auszüge aus der Laudatio:
»Nach vorne gehen und zurück schauen: was für eine paradoxe temporale Balance-Übung. Gelenkig muss man dazu sein. Und behutsam, trittsicher, vor allem wenn der Weg nach vorn durch unbekanntes Gelände führt. Wer kann sowas?
Die Gedichte von Anja Kampmann können es. Sie sind: gelenkig, behutsam, trittsicher. (…)
Das Gedicht, das unseren Daseins-Grund aufwühlt. Wie Willemsen nutzt Kampmann die Zukunft als Perspektive ihrer poetischen Betrachtung der Gegenwart, in Gedichten, in denen die Zeiten teleskopartig ineinandergeschoben werden – poetische Doppel- und Mehrfachbelichtungen, in denen mehrere Zeitebenen in wenigen Zeilen über- und nebeneinanderliegen.«
»Diese Gedichte sind Sprachkonzentrate, die viel zu denken geben, in denen es auf jedes Zeichen ankommt. Besonders, wenn man die aus Versen mit nur ein oder zwei Worten gebauten Gedichte liest, merkt man schnell: Hier ist nicht bloß kein Wort zuviel, sondern kein Zeichen, nichtmal ein Satzzeichen.
[…] Gedichte – wenn sie gut sind – können das Unmögliche: Aus dem Rückblick können sie eine Bestandaufnahme vornehmen: nicht wissen – aber fragen: wer wir waren (wer wir gewesen sein werden), was von uns bleibt, was von der Erde bleibt, geblieben sein wird. Dabei sind Anja Kampmanns Gedichte keine vollmundige zukunftsgewisse Behauptung, keine Wette auf das Kommende oder orakelnde Belehrung; die Gedichte in der hund ist immer hungrig sind Prophetie im Wortsinne, προφητείᾱ, ‚aussagen oder für jemanden sprechen‘; Fürsprache, für eine Erde, für Lebensräume, für die verschwindenden Spezies gesprochen mit Ehrfurcht und Behutsamkeit.«
»„Bewusstzuwerden hieße“, […] mit Roger Willemsen, „in der Gegenwart anzukommen, die einmal die unsere gewesen sein wird.“ In diesem Sinne geht Anja Kampmann mit ihren behutsamen Gedichten aufs Ganze, indem sie auf Bewusstmachung, auf Bewusstwerdung abzielt.
Diese Gedichte mit ihren Blicken aus der Zukunft und aus Vergangenheiten sind gegenwärtig im emphatischen Sinne: indem sie uns ver-gegenwärtigen (nicht: uns etwas vergegenwärtigen, sondern: uns in der Gegenwart befestigen).«
(im Bild, von links: Anja Kampmann, Eric Feller, Dr. Maren Jäger)
Hier die Rede in Gänze: Laudatio Anja Kampmann_Maren Jäger